Schicksal in den Bergen

Am Tag nachdem die Brüder Leitners den Polizeigewahrsam verlassen hatten, reiste Liam am frühen Morgen nach Hubers Alp, um Lisa wegen Florian zu treffen. Zu seiner Überraschung waren auch Karin und ihre Tochter hier. Der Umzug von beide Frauen in die Alp war kein gutes Zeichen für seinen Mandanten – anscheinend blieb Florian ohne die Unterstützung seiner Verwandten. Umso mehr wollte er die Gelegenheit nutzen, um mit Karin und Mila zu sprechen. Karin wollte nicht gern mit dem Anwalt ihres Mannes rednen, und Mila schien völlig abwesend zu sein.

„Sie glauben doch nicht, dass ihr Mann mit dieser Frau in ein Zimmer gegangen ist, mit der Absicht, sie zu vergewaltigen?”

„Ich denke gar nichts, Herr Achenbach. Was Florian getan hat, ist unverzeihlich.“

„In ethischer Hinsicht, ja, aber ja… in menschlicher Hinsicht?“

„In jeder Hinsicht!“

„Es ist leicht zu verurteilen, es ist schwerer zu verstehen… Aber wir sprechen hier nicht von einer anonymen Person, sondern von Ihrem Ehemann. Dies wiederum zwingt man, ein wenig anders zu schauen, nicht nur die Tat, sondern auch einen Mann zu sehen. Und wer kennt ihn besser als seine Frau, die seit zwanzig Jahren mit ihm verheiratet ist?“

„Meine Mutter dachte auch, dass sie ihren Mann wie keinen anderen kannte… anscheinend habe ich auch etwas verpasst… Außerdem bin ich zuerst eine Frau und dann eine Ehefrau. Und das bringt mich immer auf die Seite der Opferfrau sein, auch wenn sie das Opfer meines Mannes ist“

„Nur weil Magdalene Ritter sich als Opfer vorstellt, heißt das nicht, dass sie es ist. Sie müssen sich bewusst sein, was diese Frau mit Ihrer Tochter erreichen wollten. Dass es eine lange, absichtliche Aktion war. Und nicht frei! Ihre Tochter war nicht die erste, die von Magdalena Ritter zur Prostitution angeworben wurde! Diese Frau hat Ihrer Tochter großen Schaden zugefügt… und Ihr Mann hatte allen Grund, die Beherrschung zu verlieren.“

„Aber nicht Auge um Auge!”

„Magdalene Ritter hat Erfahrung mit aggressiven Männern. Florian…, wenn es für Ihnen und Ihre Tochter wichtig ist…“, blickte Liam in die Richtung von Mila, die auf der Bank saß und auf der Fensterscheibe starrte. „Florian hatte noch nie mit einer Frau wie ihr zu tun gehabt. Es war nicht Ihr Mann, der das Drehbuch für diesen Vorfall geschrieben hat, eher ist er ohne Plan dorthin gegangen… nur mit des Vaters Wut… Und er hat sich in ihren Strategien verfangen. Aber er hat auch das Drehbuch angehalten, als er hat realisieren, wohin es führen hatte. Es ist wahrscheinlich auch nicht irrelevant für Sie und Ihre Tochter, oder?”

Lisa konnte es nicht mehr ertragen und unterbrach den Anwalt, „Bravo! – Warum sagst du nicht einfach, dass Florian hier Magdalenas Opfer ist!“, rief sie an.

„Er ist ein Opfer durch die bloße Tatsache der Anklage.”

„Es war Florian, der Gewalt gegen Magdalena anwenden wollte, und sie hatte jedes Recht, sich in jeder Hinsicht gegen dieses grobe Lynchen zu verteidigen, auf das er zielte!“

„Und sie hat es getan und erreicht, was sie wollte. Was sucht sie sonst noch vor Gericht?“

„Gerechtigkeit! Nur ein krankes Individuum wie du kannst das nicht verstehen!“

„Aber ich verstehe sehr gut, dass du versuchst, deine eigene Rechnung mit jemandem zu begleichen, der damit nichts zu tun hat“

„Lisa, wovon er redet?“, fragte Karin.

„Deshalb hast du deine alte Kumpelin in der Branche überredet, gegen  Florian die Anzeige erstatten. Wer für wen bezahlt, spielt hier keine Rolle. Es ist wichtig, dass deine endgültige Bilanz korrekt ist.“

„Blödsinn!“, rief Lisa und schaut Liam mit ihren hasserfüllten Augen an.

„Ich frage mich schon lange, was du im Familiengericht tust, wenn du die elterlichen Gefühle nicht verstehst. Dass sie alle anderen Gefühle betäuben. Sie können die schönsten Dinge in einem Menschen aktivieren, aber auch einen Menschen in ihm töten. Du könntest eine Frau wie du verstehen. Du könntest jedoch die Gefühle des Vaters nicht verstehen, dessen Tochter jemand zu zerstören versucht hat.“

„Raus hier!“

„Das Vergnügen ist ganz meinerseits.“

Liam, der mit Lisa va banque ging, riskierte es, aber seine Intuition ließ ihn nicht im Stich. Sein Ziel hat er jedoch nicht erreicht. „Florian konnte nicht mit der Unterstützung der Frauen rechnen, die am meisten liebte, denn keine von ihnen würde sich auf seine Seite stehen.”, dachte er, als er die Küche verließ. Ohne Bedauern. Er hatte für keine der Frauen in diesem Kreis eine positive Emotion in sich gefunden: Die Tochter – die Ursache des Unglücks; Florians Frau – nur im Guten und niemals im Schlechten; Marie – eine kleine Lügnerin – die Vereinbarung mit Jan verlangte von Lisa, ihre Karten über die Teilnahme ihrer Schwester am Skandal auf den Tisch zu legen; Lisa – sie denkt nur an sich selbst und ihre Rache. Und was Karin und ihre Tochter empfinden, ist ihr gleichgültig. Er trat kaum nach draußen, als er unerwartet Hubers Gespräch mit Sofia Leitner miterlebte.

„Du, Lorenz, bist mit Sebastian mehr als einmal auf den Höfats geklettert.“

„Es war gut vor über 20 Jahren!“

„Auf jeden Fall du kennst alle Routen dort sehr gut – du musst meine Söhne sicher runterbringen!“

„Wie soll ich das machen?”“

„Ich weiß nicht wie, aber ich weiß, dass du uns etwas schuldest. Für Peter!“

Achenbach, der erkannte, worauf Huber hinauswollte, versuchte ihn aufzuhalten, während der seine Kletterausrüstung einsammelte. Er schätzte die Situation kühl ein, dass der ältere Mann es nicht allein schaffen konnte, also würde es nur ein drittes Opfer geben. Dann dachte er einen Moment lang darüber nach, was passieren würde, wenn er mit ihm gehen würde. Er kam zu dem Schluss, dass es eine Chance gab. Und wenn das der Fall ist, ruft ihn der moralische Imperativ dazu auf, das Risiko einzugehen. Er beschloss, mit Huber zu gehen. Liam nahm eine zusätzliche Kletterausrüstung aus den Alpen mit und bat Huber um ein Kletterschuhe.

Zur gleichen Zeit rannte Lisa in der Küche herum. Sie kochte über vor Aufregung, „Schuft! Bastard! Hund! Hurensohn!“

„Erleichtert?“, sagte Marie mit ruhiger Stimme.

„Lisa, warum warst du nicht ehrlich zu mir, als ich dir meine Vergangenheit anvertraute?“, fragte Karin mit Bitterkeit in ihrer Stimme.

„Wäre es einfacher für dich?“

Lorenz betrat die Küche und begann wortlos in den Schränken nach etwas zu suchen.

„Papa?“

„Marie! – Nicht jetzt! Georg und Florian sind auf der Höfatsscharte. Ihre Mutter war hier. Ich fahre nach Gerstruben.“

„Was?“, sagte Marie Geräuschlos, mit Entsetzen in den Augen.

„Wofür? Das geht uns nichts an!“ rief Lisa in heftigem Ton aus, die sich nach dem Besuch von Achenbach noch nicht abgekühlt hat.

„Papa, du meinst es nicht ernst – du wirst doch nicht zum Westgipfel bergsteigen?“, schließt Marie sich Lisa an. „Du hast das letzte Mal vor zwanzig Jahren geklettert!“

Lorenz ignorierte Maries Worte und holte weiter Wasserflaschen aus dem Schrank. Dann wandte er sich an Karins Tochter, „Mila, kannst du mir einen Pullover aus meinem Zimmer holen?“

„Lass Sebastian selbst für sie gehen!“, reagierte Lisa erneut scharf.

„Sebastian…”, sagte Loren mit leiser Stimme. „Er ist jetzt der letzte, der ihnen helfen könnte. Ich weiß was ich sage.“

„Selbst wenn es wahr ist, du schuldest ihnen nichts!“, erwiderte Lisa im gleichen Ton.

„Im Gegenteil, Lisa, ich schulde ihnen einfach alles!“

„Du darfst nicht dorthin gehen!“, protestierte seine Tochter hysterisch.

„Wieso?“, sah Lorenz seine Tochter mit Schmerz und Vorwurf an. „Willst du mich aufhalten?“

„Papa!“, rief Marie in einem flehenden Ton.

Lorenz nahm den Pullover und ging nach draußen. Marie sah Lisa vorwurfsvoll an. Dieser rannte ihrem Vater nach. Währenddessen warf Huber seinen Pullover in Richtung Achenbach, der auf der Bank vor dem Haus saß, und ging zu seinem Auto. Der Anwalt probierte gerade Lorenz` alte Kletterschuhe an. Sie passten, obwohl Liam das Gefühl hatte, dass niemand mehr sie benutzte – ein Museumsrelikt. Es ist jedoch wichtig, dass der Huf zu ihm passt. Er trug einen Anzug und sah für die Party, zu der er gehen würde, ein wenig lächerlich aus. Er zog Jacke und Krawatte aus, rollte die Hosenbeine hoch und zog Lorenzos alten Pullover an. Die Männer packten kaum das Nötigste für den Land Rover Lorenz, als sie sich auf den Weg machten. Da die Leitners an der Grenze zwischen Westgipfel und Ostgipfel waren, müssen sie so schnell wie möglich nach Gerstruben kommen. Von dort aus gut drei Stunden nach Westgipfel! Sie hatten keine Zeit zu verlieren.

Karin ging zum Fenster und beobachtete durch das Glas, was draußen vor sich ging. Sie sah Lisa ihrem Vater nachlaufen, während er Dinge ins Auto packte. Sie klammerte sich an seine Schulter, aber Huber nahm ihre Hand von ihm und warf ihre Tochter weg. Karins Kopf war verwirrt, als Mila sich ihr näherte.

„Ich möchte nicht, dass Papa etwas passiert.“

„Ich auch nicht“, sagte Karin  und umarmt ihre Tochter.

„Was für ein Schicksal ist es, dass wir alle Opfer desselben geworden sind?“, sagte Karin nachdenklich.

„Mama, wovon redest du?“

Karin und Mila, die gestern nichts mehr mit Florian zu tun haben wollten, zitterten jetzt beide um sein Leben. Sie liebten ihn und so negativ sie seine Tat auch beurteilten, sie wollten ihn munter und gesund zurück.

Marie kämpfte mit ihren eigenen unerwünschten Gedanken. Sie hatte Georg nicht den Tod gewünscht, wie sie sich keinen anderen Menschen gewünscht hatte, aber ihr Herz sagte, sie hätte sich erleichtert gefühlt, wenn sie ihn nicht wiedersehen müsste. Sie hatte Angst um ihren Vater, sie hing an ihm. Als sie durch das offene Fenster hörte, dass sich das Auto abfuhr, hatte sie Angst, dass sie nicht von der Bank aufstehen und zum Fenster gehen konnte, ihre Herzfrequenz beschleunigte sich von Minute zu Minute, die Atmung wurde schneller und flacher zugleich, ihr Herz pochte, als wollte es verlasse ihre Brust. Sie kannte die Symptome gut. Zu gut. Sie muss nur etwas tun und die Panikattacke wird vorübergehen. Wie immer. Marie verjagte mit dem Rest ihres Willens aufdringliche Gedanken, nur um zu verhindern, dass die Panik eskalierte. Dann kam zu den Symptomen, die ihr so bekannt waren, ein weiterer neuer Außerirdischer hinzu – der sich ausdehnende, scharfe Schmerz in ihrer Wirbelsäule. Tränen stiegen in ihren Augen auf.

Lisa, da ihr Vater sie mit Gefühlen verschlossen hatte, wartete sie auf die erste wärmere Geste von seiner Seite. Es ist nicht gekommen. Sie stand resigniert mit gesenkten Armen mitten auf der Straße. Staub von den Rädern des Land Rovers ihres Vaters wehte ihr ins Gesicht, als das Auto von außerhalb des Hauses wegfuhr. Der Gedanke, ihn nicht wiederzusehen, sein Herz nicht abwenden zu können, war unerträglich. Als das Auto aus ihren Augen verschwand, wischte sie sich mit der Hand die Tränen aus dem schmutzigen Gesicht und kehrte mit einem Gedanken nach Hause zurück – um mit Marie zu kuscheln, wie es früher war.

In der Küche saß Karin neben Marie, Mila stand am Fenster und wählte hastig etwas am Telefon. Marie atmete schnell, ihre scharfen, straffen Gesichtszüge und ihre Blässe sprachen für sich. Karin ließ Marie für einen Moment aus den Augen, sah Lisa an und bestätigte laut nur, was die Schwester bereits erraten hatte.

„Es ist angefangen!“

Im Auto fragte Lorenz seinen Begleiter:

„Wie lange kletterst du schon?”

„Seit fast achtzehn Jahren.”

„Du kennst Höfats, ich verstehe?“, fragte Lorenz und drehte den Kopf zu Liam. Der Mann nickte. „Der Klassische Aufstieg zum Westgipfel mit anschließender Überschreitung zum Ostgipfel ist keine besonders schwierigere Route.“

„Georg und Florian klettert nach Westgipfel direkt über den West-Süd-Grat und den Zweiter Gipfel.”

„Das ändert die Dinge ein bisschen.“

„Wir wählen die normale Route – der Aufstieg zum Westgipfel durch die Wanne. Es wird einfacher und schneller“, sage Lorenz

„Aber die Brüder haben ihre Erfahrung. Das Wetter ist gut für sie.“

„Ja, Atmosphärisch“, erwiderte Lorenz „Ihr Vater ist vor 50 Jahren fast dortgeblieben.“

„Was zählt ist, dass er damals zurückgekehrt ist.“

„Sebastian hatte etwas, worauf er zurückkommen konnte“, erwiderte Lorentz und dachte nach. Er hatte damals nichts, worauf er zurückkommen konnte. Margarete gab ihm einen Korb und verließ das Allgäu. Sebastian ging auch bald. Zuvor hatten sie jedoch mehrere Toasts zur Freundschaft getrunken und Sebastian bekam von Sofia – dem feurigsten und sommersprossigen Mädchen in der Schule – das Versprechen, auf ihn zu warten. Auch er war bereit, auf Margarete zu warten, bis sie ihr Studium beendet hatte. Er wollte ihren Ambitionen nicht im Wege stehen. Aber sie wollte sein Wort nicht, also hatte er nur die Kneipe. Er war der einzige erwachsene Mann im Haus – sein Vater war schon lange tot, er hatte keine Brüder – er war nicht in Gefahr, wie Sebastian in die Armee eingezogen zu werden.

„Seine Söhne haben auch etwas, worauf sie zurückkommen können. Auch, wenn sie anders denken.“

„Du, Liam, hast du auch was?”

„Na sicher!“, erwiderte Liam und ein strahlendes Lächeln erschien sofort auf sein Gesicht. „Jeden Tag erwartet mich zu Hause ein wahrer Geysir der Freude.“

„Dann habe ich den richtigen Begleiter für das Bergsteigen gefunden.“

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