Schwestern. Eine Frage des Vertrauens

[…] Karin lächelte nur über Lisas Worte. Schließlich könnte nichts zwei beste Freundinnen mehr entzweien als ein gemeinsames Objekt der Begierde. Und nichts wird diese Frauen wieder zusammenbringen wie die Entwertung dieses Objekts. Sie nahm einen größeren Schluck Wein und traute sich endlich, Lisa nach dem zu fragen, was sie bedrückte hatte.
„Wie ist es möglich, dass du, in so einen Abwasserkanal geraten bist?“
„Braucht man dazu viel? Das siehst du am Beispiel von Mila.“
„Mila ist naiv, leicht zu manipulieren. Aber du, Lisa? Du hast dich nie von jemand anderem führen lassen!“
„Das ist wahr, und deshalb gebe ich Magdalena keine Schuld an irgendetwas.“
„Es war also doch Magdalena, die dich da hereingezogen hat.“ Karin äußerte nur laut die Vermutungen, die sie längst über Magdalene Ritter hatte.
„Sagen wir lieber, sie hat es arrangiert, dass ich anfange.“
„Wie haben du und Magdalene sich kennengelernt? Nicht im Jurastudium. Ich glaube es nie!“
„Wir arbeiteten zusammen in einem Café als Kellnerinnen und haben uns angefreundet. Ich habe es nur am Wochenende geschafft, weil ich vormittags und nachmittags Unterricht hatte. Das Geld reichte einfach für nichts. Als ich meinen Platz in der WG verloren hatte, hat sie mich zu sich nach Hause geholt und mich dort ein paar Monate lang behalten. Sie hat mir sogar Winterstiefel gekauft, als diese kaputtgegangen sind. Ich konnte nicht ewig in ihre Jackentasche greifen. Zumal ich wusste, woher sie das Geld hatte. Letztlich war ich niemand Besseres als sie. Ich habe gedacht, wenn Magdalena es schafft, dann schaffe ich es auch. Also habe ich Magdalena gebeten, mir zu helfen, den ersten Schritt zu machen. Sie schenkte mir einen Wodka ein und brachte mich dorthin, wo es nötig war“, Lisa schwieg einen Moment lang und wandte ihr Gesicht ab, „Wenn ich mir hätte vorstellen können, was auf mich hinter dieser Tür warten würde…“ […]