Boxers dancing

„Es ist wie ein Tanz!“ Mila wiederholt die Schritte nach Mohammed mit der Leichtigkeit einer Tänzerin. Man sieht an ihren leuchtenden Augen, dass sie diese Übung genießt.

„Nun, der Tanz einer Boxerin.“

„Trainierst du schon lange?“

„Ich trainiere kein Boxen.“

„Aber du bist daran interessiert.“

„Keinesfalls! Ich bin nur am Tanzen interessiert“, sagte Mohammed leichthin. „Genau wie jeder Muslim.“

Mila lachte schließlich. Natürlich glaubte sie ihm nicht. Der Junge antwortete ihr mit einem ebenso aufrichtigen Lächeln.

„Aber mal im Ernst?“

„Im Ernst: Als ich zehn Jahre alt war, wurde ich von meinen Klassenfreunden in der Schule verprügelt, und mein Vater hat beschlossen, dass dies das letzte Mal war.“

„Trainiert dein Vater auch Boxen?“

„Er hat früher trainiert. Das ist schon lange her, damals auf der Uni. Genug jedoch, um meinem Bruder und mir zu zeigen, worauf es ankommt, damit wir uns im Notfall die Beine unter den Arm nicht nehmen müssen. Aber er ist kein Profi, wie dein Vater.“

„Mein Vater ist ein Amateur.“

„Nach 20 Jahren ist jedes Hobby bereits ein echter Beruf. Dein Vater hätte ein Weichei wie mich mit zwei Schlägen umgehauen. Wenn er nur wollte, und natürlich saß er nicht im Rollstuhl.“

Mila unterbrach, ihren Boxerintanz für einen Moment und verließ das Feld mit Grillspießen.

„Hast du viele Geschwister?“ Das Mädchen war interessiert.

„Wie bei uns üblich. Ein halbes Dutzend Brüder und ein halbes Dutzend Schwestern.“

„Und wie viele genau?“

„Zwei ältere Brüder und drei jüngere Schwestern.“

„Cool! Du glücklicher.“

„Ich bin mir nicht sicher. Manchmal möchte ich lieber ein Einzelkind sein.“

„Das sagst du nur so.“

„Stimmt. Meine Brüder würde ich jedoch behalten. Du wirst auch bald kein Einzelkind mehr sein, oder?“

„Woher weißt du das?“

„Mir ist das zu Ohren gekommen.“

„Oma.“ Mila lächelte und nickte.

„Du freust dich doch, oder?“

„Ich hätte mich lieber ein Dutzend Jahre früher darüber gefreut.“

„Immer besser spät als nie.“

„Klar.“

„Die Pause ist also vorbei und es ist Zeit für die ersten Schläge? Eine rechte/linke Gerade.“

„Ich kann es kaum erwarten!“ Mit der Aufregung auf dem Gesicht eines kleinen Mädchens kehrte Mila schnell zu der Stelle zurück, die mit den Grillspießen markiert war.

„Also Grundstellung! Deckung!“, befahl Mohammed mit Nachdruck.

Mila nahm sofort die richtige Pose ein und wartete mit gespanntem und konzentriertem Gesicht auf weitere Anweisungen ihres »Trainers«.

Marie und Mila – eine bittere Selbstabrechnung.

Die Idee, ihr unterbrochenes Masterstudium nach 25 Jahren wieder aufzunehmen, erschien ihr so absurd und realisierbar wie eine Expedition in die Antarktis. Das war keine Idee für ein neues Leben. Es war, so dachte sie, eine letzte Chance, dem zu entkommen, was sie hier erwartete. Verglichen damit war die Antarktis für sie nicht beängstigend. Zumindest nicht so sehr. In ein paar Monaten werden zwei Kinder im Haus sein, und sie wird das Glück ihrer Schwestern von der Seitenlinie aus beobachten müssen, immer mit dem Gedanken, dass sie hier die dritte glückliche Mutter sein könnte. Gleichzeitig mit dem Bewusstsein, dass sie es nicht sein konnte, denn selbst wenn ein Wunder geschähe und das Schicksal ihr das Kind heute zurückgeben würde, würde sie wahrscheinlich vor Angst sterben, was sie damit anfangen sollte. Sie übernahm nie wirklich die Verantwortung für ihr eigenes Leben, wie konnte sie also die Verantwortung für das Leben ihres Sohnes übernehmen? Das Studium opferte sie, um ihre Schwester großzuziehen, doch nutzte sie nicht im letzten Moment die Gelegenheit, um dem Zwang zu entgehen, nach dem Abschluss ihren eigenen Lebensweg einschlagen zu müssen? Heute war sie sich dessen nicht mehr sicher. Vor Jahren versteckte sie sich hier in den Almen wie in einer Festung. Angeblich unterstützte sie ihren Vater, aber in Wirklichkeit hing sie selbst an ihm. Sie lebte immer mehr das Leben der anderen als ihr eigenes. Es gab ihr einen gewissen Ersatz für Glück. Sie wurde zur Philosophin, zur »Beichtväterin« und zur Meisterin darin, andere zu beraten, nur sich selbst konnte sie nie einen Rat geben. Die Probleme anderer zu lösen, war eine Ausrede dafür, dass sie keine Antworten für sich selbst suchte und ihr eigenes Leben nicht meisterte. Das Universum mit all seinen fernen Sternen war ihr manchmal näher als das, was sich an der nächsten Straßenecke befand.

[…]

Das Gespräch beim Mittagessen und die Erinnerungen an München brachten das schon leicht verwischte Bild von David – ihrem letzten Freund – zurück. Zu ihrer großen Überraschung erhielt sie eine Postkarte von David – Grüße aus Amerika. „David hat dich nicht vergessen! Man erinnert sich für den Rest seines Lebens an seine erste Liebe, seine erste Freundin!“, sagte ihre Mutter, als Mila ihr die Postkarte zeigte. Lisa war gerade in schlechter Laune, also gab ihren Senf dazu: „Du hast ihm das Herz gebrochen, also ging er nach Amerika, obwohl er dort nie studieren wollte. Er ist zu seiner Mutter gegangen, die er hasst und mit der er nichts gemein hat“. Mila ging zum Medikamentenschrank und holte zwei lange elastische Binden heraus. Sie setzte sich auf einen niedrigen Stuhl und versuchte einen Moment zu rekonstruieren, wie ihr Vater die Hände unter den Handschuhen umgewickelt hat. Als sie klein war, zeigte ihr Vater ihr das viele Male. Sorgfältig begann sie eine Hand vom Daumen an zu umwickeln, dann ein paar Mal das Handgelenk, dann ein paar Mal den Mittelhandknochen über Kreuz, wieder ein paar Mal die Handgelenkknochen und so weiter.[…]

Rinderrouladen, Tiramisu und die großen Pläne von Marie

„… Ich gehe heute Nachmittag zum Leitnerhof. Georg organisiert ein Lagerfeuer und Oma hat mich gebeten, auf die Gastkinder aufzupassen.“

„Ein Lagerfeuer?“, rief Karin nicht ohne Überraschung in ihrer Stimme.

„Es wird auch ein Ferkel am Spieß geben.“

„Mhm. Die gute alte Zeit am Leitnerhof ist wieder da“, meldete sich Lorenz zu Wort: „Haben sie auch eine Band bestellt?“

„Ich weiß es nicht genau, aber es sollen zwei Gitarristen sein und einer mit Akkordeon, oder umgekehrt – zwei mit Akkordeon und ein Gitarrist.“

„Vielleicht können wir dich ins Leitnerhof absetzen, als Lisa und ich in die Stadt fahren“, wandte sich Karin an ihre Tochter.

„Habt ihr auch Pläne für den Nachmittag?“ Lorenz verbirgt seine Überraschung nicht.

„Ja. In der Nähe des Rathauses gibt es Yoga für schwangere Frauen“, erwiderte Karin. „Wir gehen zur ersten Stunde.“

„Deshalb die besonders kunstvolle Pediküre.“ Marie warf einen vielsagenden Blick auf die Füße ihrer Schwestern.

„Wir müssen dort einen positiven Eindruck hinterlassen“, erwiderte Karin. „Zumal wir schon lange kein Gummirücken mehr haben.“

„Nach dem Yoga gehen wir zum Singen“, fügte Lisa hinzu.

„Ich glaube, Karaoke ist dienstags, Mama?“, bemerkte Mila.

„Ich versuche nicht mehr, Karaoke zu singen“, erwiderte Karin ihrer Tochter und warf dann einen wissenden Blick auf Lisa.

„Eh, das war ein Fehlstart“, sagte Lisa, mit Bagatelle in der Stimme. „Der Chor ist eine andere Sache, da kann sich jeder … ein bisschen falsches Singen erlauben. Der Rest wird sie übertönen.“

„Geht ihr zum Chor?“, fragte Lorenz zunehmend überrascht.

„Welche andere Unterhaltung können sich zwei Single-Schwangere in unserer Kleinstadt an einem Sonntagnachmittag leisten? Schließlich gehen wir doch nicht zum Bowling“, antwortete Karin mit einer rhetorischen Frage.

„Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, Papa, aber du hast einen kompletten Frauenchor in der Familie. Karin wurde in der Schule als Kontra alt beschrieben, Marie als Alt, ich als Mezzosopran, und Mila ist … angeblich ein reiner Sopran!“

„Nun, ich platze vor Stolz. Wir sind nicht mehr in Gefahr, zu verhungern. Mit dem Singen auf Hochzeiten und Taufen könnt ihr euch immer etwas dazuverdienen.“

„Siehst du?“

[…]

„Eine neue Herausforderung, ein neues Umfeld wird dir sicher guttun, Marie.“ Karin unterstützte ihren Vater sofort.

„Aber ist es nicht zu spät, sich für dein Studium zu bewerben?“, warf Lisa ein.

„Die Frist für Leute wie mich ist Mitte August. Aber ich würde gerne so schnell wie möglich abreisen. Ich muss einen Job und eine Wohnung finden.“

„Wenn du nach so vielen Jahren wieder an die Universität gehen willst, konzentriere dich auf dein Studium und vergiss die Arbeit. Es reicht mit der Kellnerei in München!“ spannte sich Huber sofort an. Denn er hatte noch nicht vergessen, wie Lisa und Milas Extraarbeit für ihr Studium geendet hatte. „Such einfach eine Wohnung und wir kümmern uns hier um den Rest.“

„Du vergisst, Papa, dass du Mila bereits versprochen hast, sie finanziell zu unterstützen“, erwiderte Marie schnell. „Du kannst nicht zwei von uns in München ernähren.“

„Ich habe nicht vor, von hier aus irgendwo fortzugehen!“ unterbrach Mila heftig.

„Mach dir keine Gedanken darüber, Marie!“, Lorenz ignorierte den Zwischenruf seiner Enkelin. „Wir sind uns mit Sebastian über Mila einig. Fifty-fifty.“

„Sebastian möchte einen Beitrag zu Milas Studium leisten!“, rief Karin mit offensichtlicher Überraschung in ihrer Stimme aus. „Wer hat ihm die Schlange aus der Tasche genommen?“, schüttelte sie den Kopf.

„Was ist daran so schockierend? Immerhin hat Sebastian Georgs Studien finanziert. Solange Florian den Leitnerhof geleitet hat, war Sebastian der Meinung, dass ihr euch finanziell selbst um das Studium eurer Tochter kümmern solltet. Jetzt hat sich die Situation jedoch geändert. Und falls sich Mila im Herbst entschließt, ihr Studium wieder aufzunehmen, wird das Geld für ihre weitere Ausbildung zur Verfügung stehen.“

„Mila, was hältst du davon?”, fragte Karin ihre Tochter, „Du könntest zusammen mit Marie wohnen. Das wäre kostengünstig, und du müsstest nicht zur WG zurückkehren.“

„Ich gehe nicht zurück nach München. Wir haben schon darüber geredet, Mama. Dafür habe ich keinen Grund. Ich habe kein Jahr abgeschlossen.“

„Du gibst schnell auf“, bemerkte Lisa. „Niemand bestreitet, dass dir dort viel Schlimmes widerfahren ist. Aber was hat das mit deinem Studium und deinem Traum, Tänzerin zu werden, zu tun?“

„Sehr viel, Lisa. Mir wurde klar, dass es immer Schwellen geben würde, die ich nicht überschreiten würde. Als ich im Frühjahr eine Rolle in einer Aufführung bekommen habe, stellte sich bei der zweiten Probe heraus, dass ich durch eine andere Mitstudentin ersetzt worden war. Sie machte keinen Hehl daraus, wie sie die Rolle von dem Regisseur bekommen hat. Ich bin für eine solche Karriere nicht geeignet.“

„Du musst selbst entscheiden, ob du den raschen Ruhm und das schnelle Geld willst – das wirst du auf dem ehrlichen Weg nicht bekommen – oder ob du einfach das tun willst, was du liebst. Dank Talent, Ausdauer und harter Arbeit wird man schließlich Erfolg haben, ohne eine Matratze für jeden nächsten Regisseur zu sein.“

„Lisa hat recht, Schatz“, nickte Karin. „Auch sie hat weder eine große Karriere als Anwältin in München gemacht, noch hat sie viel Geld verdient. Dennoch kämpft sie weiterhin um ihren Platz im juristischen Beruf.“ […]