Die Wiege

[…] „Sie hat ihren Sohn an seinen Vater übergeben… Karin, du bist die Mutter, sag mir, kann man einen Mann so sehr hassen, dass man sein eigenes Kind aufgibt, nur um seinen Vater nicht wiederzusehen?“
Karin war sprachlos über die Nachricht, also schüttelte sie nur verneinend den Kopf. Was sollte sie sagen? Mila war alles für sie! Lisa nickte stumm. Ein Lärm kam von der Treppe und einen Moment später betrat Mila die Küche. Ihr Gesicht war begeistert, als sie sprach,
„Mama, schau mal, was wir mit Opa auf dem Dachboden gefunden haben!“
Anders als ihre Mutter hatte Mila kein Problem damit, Lorenz von Anfang an richtig anzusprechen. Als Lorenz bat sie, ihn beim Vornamen zu nennen – schließlich waren sie eine Familie -, antwortete Mila kurz: „Na gut, Opa.” Und so ist es auch geblieben.
Hinter Mila kam Lorenz herein, der eine alte Wiege trug. Er hat es auf den Boden gelegt.
„Das Babybettchen steht schon bereit, aber die Wiege wird auch nützlich sein. Falls nur anstelle eines Laufstalls“, sagte Lorenz und sah seine Töchter an, die schweigend die Wiege betrachteten, die mitten in der Küche stand.
„Habt es euch beide die Sprache verschlagen? Mein Werk!“, sagte Lorenz nicht ohne einen Hauch von Überheblichkeit in seiner Stimme.
„Lisa, erkennst du das?“, rief Mila mit einem Glitzern in ihren Augen, „Das ist deins.“ […]

Jedi-Ritter

[…] Das Bild ihres Vaters, wie er heute Morgen mit Mila Girlanden und Luftballons im Haus aufhängt, und das Wissen, was sie ihm, der ganzen Familie, mitteilen müsste, dazu Georgs Reaktion und der Rest. Daran wollte sie jetzt aber nicht denken und kehrte zum Grund des Treffens zurück.
„Macht nichts. Du wolltest mich ja nicht nur sehen, um über Marie zu reden.“
„Nein. Ich hab dich hergebeten, weil ich mit dir über Florian reden wollte.“
„Florian…“ Lisa ließ die Luft aus ihren Lungen, dann sprach sie in leichtem Nachdenken: „Er war für mich immer der Mann, der auf der hellen Seite der Macht steht.“
„Jedi-Ritter.“
„Leider wechselte Skywalker zur dunklen Seite der Macht und wurde zu Darth Vader.“
„Nun, das ist ein Grund zum Hasse“, erwiderte Liam mit einem Hauch von Ironie. […]

Adam Leitner

[…]Als er und Lisa eine Stunde später im Standesamt die Angaben für eine neue Geburtsurkunde für seinen Sohn ausfüllten, fragte Lisa ihn, ob er einen eigenen Namen für ihn habe, und fügte hinzu, dass Marie jede seiner Entscheidungen zu den Namen des Babys unterstütze. Natürlich hatte er keine. Er war lange Zeit davon ausgegangen, dass er jede Entscheidung, die Marie traf, akzeptieren würde.
„Er hat schon einen Namen – Theo.“
„Auf Griechisch bedeutet Theo „Gott”. Als der Name vorgeschlagen wurde, war Marie sofort begeistert. Aber vielleicht hast du eine andere Idee?“
„Du meinst, es war nicht die Idee von Marie? Wessen war es dann?“
„Ist das so wichtig?“
Georg nickte, „Jan“.
Lisa wandte ihren Blick ab.
„Es reicht, dass mein Sohn immer ein Mensch bleibt“, erwiderte Georg kalt. Er nahm den Stift von Lisa und trug nach kurzem Überlegen den Namen ein: ADAM, was der Erdling, der Mensch bedeutet.[…]

Angst und Kapitulation

„Marie, du bist nicht die Erste, die Schwierigkeiten hat, in eine neue Rolle als Mutter zu schlüpfen und glaubt, sie nicht bewältigen zu können. Das ist alles neu und schwierig für dich. Aber du bist nicht allein. Jeder hier versteht dich, und jeder wird dir helfen. Und da ist Karin zu Hause. Und sie wird bei dir sein, wenn du mit deinem Baby nach Hause kommst. Alles wird gut.“
„Nichts wird gut. Und außerdem, wie kannst du das wissen?“
„Du hast recht, ich kann es nicht wissen, aber ich habe mit deinem Arzt gesprochen. Und er ist zuversichtlich, dass alles rechtzeitig klappen wird.“
„Na, super! Jetzt weiß ich, warum mich alle anstarren, als wäre ich verrückt.“
„Marie, lass uns dir helfen!“

Zwischen Hoffnung und Zweifel

[…]Kaum hatte Lorenz erfahren, dass sein Enkel endlich auf die Welt gekommen war und dass es Mutter und Kind wohlauf sind, ging er auf die Intensivstation, um die Nachricht zu überbringen. Karin und Mila wachten weiterhin an Florians Bett und warteten darauf, dass er aufwachte. Georg und seine Mutter saßen auf einer Bank im Park des Krankenhauses und blickten hoffnungsvoll und ängstlich in diesen erwachenden neuen Tag hinaus.
„Es dauert alles ohne Ende. Leas Geburt dauerte insgesamt weniger als 6 Stunden! Kaum tauchte ihr Kopf auf, sprang sie in die Welt hinaus wie ein Samen aus einer reifen Frucht.”
„Eine Geburt bei einer 20-jährigen Frau und eine Geburt bei einer 40-jährigen Frau sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich habe länger gebraucht, um Peter zur Welt zu bringen, als dich und Florian zusammen! Außerdem ist es eine Frühgeburt.”
Georgs Handy, das neben ihm auf der Bank lag, leuchtete auf und verkündete mit einem kurzen Piepton den Eingang einer neuen Nachricht. Georg nahm sein Telefon in die Hand. „Vater!”, erwiderte er kurz auf den fragenden Blick seiner Mutter. Er warf einen Blick auf die Nachricht und sein Gesicht wurde sofort von einem breiten Lächeln erhellt.
„Ist Florian aufgewacht?”, rief Sofia, die als Mutter in der ersten Reihe auf diese Nachricht wartete. Georg schüttelte den Kopf und sagte, „Mein Sohn ist geboren!”
In den tränennassen Augen von Mutter und Sohn lag Freude, als sie sich beide umarmten. […]

Lisa und Liam, Neustart

[…]Marie musste sich auf Viehscheid ziemlich antrinken, um in der Trunkenheitsfantasie den unbeliebten Georg zu küssen und den Flaschengeist zu befreien. Liam, im Gegenteil, brauchte den nüchternen Kopf und weit geöffnete Augen, um Lisa ohne Widerwillen wieder ansehen und diesmal den ersten Schritt in ihre Richtung machen zu können, ohne ihre Einladung. In dieser Nacht erinnerte Lisa in ihrer ganzen Erscheinung an verbrannte Erde. Er geänderte seine Meinung, wandte sich von der Tür ab und ging mit entschlossenem Schritt auf sie zu.[…]

Dämmerung und Morgengrauen

„Und du hast deine Belohnung genommen!”, rief Lisa an, nachdem ihr Vater gegangen war.
Lorenz blieb stehen, drehte sich um und wandte sich dann ernsthaft seiner Tochter zu.
„Wenn diese Belohnung dazu dient, einen Freund zurückzubekommen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, dann ja. Vielleicht verstehst du mich, wenn du eines Tages diene Vergangenheit schließt.“ Lorenz dachte, alles sei bereits gesagt worden und er wollte wirklich gehen, aber Lisa hielt ihn wieder auf. Ihre Gefühle vibrierten bereits so hoch, dass sie in den letzten Worten ihres Vaters nicht einmal Hoffnung für sich selbst sah.
„Du irrst dich sehr, wenn du glaubst, die Vergangenheit hinter dir gelassen zu haben. Sie kommt gerade zu dir zurück, Papa. Deine Vergangenheit ist hier in diesem Krankenhausflur. Das ist Karin!“